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Einladungskarte anläßlich meiner Ausstellung LEBENSLAUF am 20. August 2023

 

 

 

 

Eva-Maria Hermanns Künstlerin und Kuratorin 

Einführung  anl. der Ausstellung LBENSLAUF im Basement16, Bensberg

 

 

Guten Tag

Kennen Sie Margret Schopka?

 

Ich kenne sie ein wenig, aus gemeinsamen Ausstellungen, kurzen Begegnungen, Besuchen im Atelier, flüchtig-innigen Gesprächen und aus Bildern, Texten, Schriften, wenig Informationen, viel Poesie in Aufsätzen, Reden, Katalogen, Statements und Videos.

 

Es ist vieles gesagt zu ihrem Werk ... kluge Beschreibungen, poetische Betrachtungen und lyrische Zitate ... (Meine Verneigung vor all den Autoren und Autorinnen)

Mir bleiben fast nur Paraphrasen ...

 

Aber lassen Sie mich zusammenfassen ... eine Annäherung ...keine Beschreibung

 

Das Fest heute bezeugt: 1943 geboren, Malerei studiert von 1979 – 1983 in Hamburg.

 

Zunächst Menschenbilder ... aus alten Farbschichten herausgekratzt ohne fotografische Konventionen, in kleine Skulpturen und Plastiken das „nötige Unbehagen“ gelegt. Direkt, fein und klar ... nicht zu viel einer gefürchteten Schönheit, eher zärtliches Staunen.

 

1989 eine erste Reise und ein Stipendium nach Island, ein Naturkunst – Symposion „wie ein Flügelschlag“

 

„DU ... Margret Schopka ... setzt den Fuß in die Luft und sie trug!“

 

Es folgen weitere Stipendien, Symposien, Wettbewerbe, Preise, Ausstellungen und von dort aus Nachfolgendes, Neues, Verworfenes, Endgültiges.

 

Getragen von stetigem Interesse an Phänomenen des Lebens und lebendiger Vegetation. Die Materialien der Erde als Stoff, der unser Leben bestimmt, vorantreibt und zusammenhält, eingebunden in eine unantastbare Natur, ohne ihr je zu nahe zu treten oder sie gar zu zerstören.

 

DU richtest dir ein Zimmer ein unter den Bäumen und Vögeln, dein Bett in den Ästen, ein Nest im Wind, auf der äußersten Spitze der Zweige ...

 

Ein Vergnügen für alle Sinne, zunächst viele Jahre wandernd, gehend und staunend, getragen von Pracht und Verzauberung. Mit wachem Blick, fotografierend, ordnend und sammelnd gelingt es bald in jedem Bild und Objekt die Unwiderruflichkeit des gelebten Augenblicks festzuhalten und über dem Glück des Tuns die Unermesslichkeit der Schönheit zu erahnen.

Die Alltäglichkeit der Dinge und ihre Verwandlung, ihre Metamorphosen werden zum ureigensten bildnerischen Thema,

gestaltet in der Natur, mit der Natur, ein Vokabular des Wirklichen und Möglichen, voller Erzählfreude an überraschenden Pointen, mit hintergründigen Witz, dem Erschütternden im Banalen.(Wer findet die Vögel im 1000Blütenmeer) Lyrische Verschmelzungen !

 

DU schließt die Augen und hüllst dich ein in die Moose und Wolken, in die Blumen und Pflanzen, willst Sand und Asche unter den Füssen spüren ...

 

Ob als rätselhafte Botschaft, verstrickendes Geheimnis, verblüffende Perspektive oder individuelle Mythologie, als Paradoxa, Verstörung, Entlarvung, Transformation, Rekonstruktion: das Angebot an Entdeckungen und Erkenntnissen ist überwältigend.

Es entsteht ein Gegenüber, ein Dialog, der einem wissenschaftlichen Umgang mit der Welt entgegensteht.

Indem die Dinge durch ihre Inszenierung, ihre Präsentation mit dem Nimbus des Besonderen und Würdevollen ausgestattet werden, erfahren profane Gegenstände eine Verwandlung, erhalten materielle Relikte eine andere Bedeutung, werden als das „Numinose“ auf eine Bühne erhoben und sind vergleichbar mit jenen magischen Dingen, die Zauberpriester in ihre Fetische einschließen um ihnen magische Kräfte zu verleihen.

 

Material jeder Art ist Hinweis und Vorschlag, auslösendes Moment für Fragestellungen, kultisches Objekt und Gedankenmaterial subjektiver Erfahrung,

ein Modell des schöpferischen Umgangs mit der Welt.

 

Verehrte Damen und Herren

 

Was läge näher als der Natur und der ihr innewohnenden Ordnung mit eigenen Mitteln zu begegnen, sie nämlich Schicht für Schicht in ihrer Natürlichkeit zu belassen und allein durch Auswahl und Kombination, Vergrößerung und Verkleinerung, Ausschnitt und Anhäufung in eine neue Realität zu entlassen.

So entstehen Paradiese, erträumte Gärten und imaginäre Landschaften, sie betonen mit Phantasie und Poesie ihre Schönheit, aber auch ihre Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit.

Schönheit und Schrecken offenbaren sich an feinnervigen Übergängen, Schnittstellen und Kreuzungen.

 

Aus der vielfältigen Formensprache der Materialien entsteht eine Übereinstimmung zwischen dem Tun, den Dingen und Worten. Es entfaltet sich ein poetischer Zusammenhang, der nicht allein in der Sprache der Bilder oder der Worte zu fassen ist. Eine Vernetzung von Leben und Materie wird spürbar, die in der momentanen Erkenntnis, im schöpferischen Bewusstsein des Vergänglichen festgehalten wird.

 

Diese Spuren führen immer wieder ins Draussen, ins Unbehauste, zum kargen Boden, zum moosigen Grund, zum Wechsel der Jahreszeiten, zu Wolken und Licht ... nach Island,

zur „ewigen Hochzeitsreise“ – Rosen auf Watte gebetet, Symbole von Reinheit, Ewigkeit, Liebe, aber auch von Dornen, die im weichen Blütenteppich lauern.

 

... überhaupt ... die Teppiche,

 

Große Stücke industrieller Teppichböden, ihre Vorder- oder Rückseiten sind zum Bildträger gemacht, begleitet von Fäden, Knoten, Collagen, 1000der Blüten und durchscheinender Gaze, geformt, bearbeitet, geschönt und bereichert mit Ornamenten aus Kaffeesatz und Vulkanasche, wie ein Tagebuch mit Spuren der Zeit versehen. Ein eigener Kosmos, organisch gewachsen, nie zu Ende.

 

DU suchst Dir eine Decke aus erdigem Kern, starr und schillernd, tausender Blumen und Gärten gleich.

die im Mondlicht wie schimmernde Wolken über die Erde ziehen. Eigentümlich leuchten die Farben, natürlich, morbide, künstlich, fahl.

 

Es entstehen rätselhafte Bildwelten, die einen Appell an unsere Vorstellungskraft entsenden, ein Freibrief für unsere eigenen Spekulationen, Phantasien, Geschichten,

 

und sie sprechen vom Malen:

 

Denn Malerei heute ist zuallererst Material. Ein paar Kohlestriche, ölige Pasten, Pigmente, Papier, Folien wie gleißender Schnee, dunkles Bitumen, schweres Leinen und luftiger Tüll, Worte, geschrieben, gemalt, genäht, - auch Telefonbuchseiten: das sind die Elemente die ihre Formen ausmachen. Aus diesen Verbindungen entstehen Gebilde, die nicht das Erzählende von Farbe und Linie ( blau – Himmel, Kreis – Sonne ), sondern ihre eigene „handgreifliche“ Stofflichkeit deutlich machen.

 

Die Dynamik der gezogenen Pinselspur, die geworfene oder fließend aufgetragene Farbe, der gekritzelt Strich, die automatisch niedergelegte Schraffur sind Mittel, Berichte und Spuren des Unbewussten und der künstlerischen Arbeit. Aus der Summe von Rissen, Schichtungen und Kerben entstehen immer wieder

neue Bezüge zwischen den Dingen. Es wird zwar etwas dargestellt, die Darstellung aber bleibt offen und ihre Deutung liegt bei demjenigen, der vor das Bild tritt.

 

Diese Bilder und Objekte verlangen von uns ein Mitdenken, Mitfühlen, ein Fabuliervermögen. Sie schaffen neue Relationen, neue Empfindungen vor dem Bild und der Landschaft und ... neue Verbindungen zwischen den Menschen.

 

Sie haben eine eigene Existenz, eine eigene Wirklichkeit, sind Objekt und finden ihre Vollendung im Blick des Betrachters, „vom Wind getragen“

 

Ach, Wer es könnte, auch die Welt hochwerfen, dass der Wind hindurchfährt.

 

Der Malvorgang überträgt sich also vom Physischen ins Geistige.

 

Handlung und Vision führen den Prozess der tätigen Hand sowohl beim Tun als auch beim Betrachten auf einer gedanklichen Ebene weiter, neu, ungewohnt, beunruhigend, mal provozierend, beglückend und erschreckend, denn das Geistige in der Kunst,

verehrte Damen und Herren, wird mit der Hand gemacht, und hinterlässt Spuren.

Lebensspuren ... Lebenslauf ...

 

Meine Damen und Herren

Margret Schopka braucht kein Publikum,

sie braucht Komplicen, die in den Gebilden an der Wand einen Vorschlag sehen, ein Stück erahnte, erlebte, ertragene Wirklichkeit auf seine Verwandlungsfähigkeit hin zu untersuchen, das In-der-Welt-sein auszuhalten und zu gestalten.

 

Und DU liegst in den Wolken, - hoch ins Leere gewiegt

Deine Hand greift nach einem Halt und findet nur eine Rose als Stütze.

 

Lassen Sie uns Rosen sein!

 

für Dich, Margret Schopka!

 

 

Dank Ihnen, liebe Gäste, für den Moment des Innehaltens ...

und meine Verneigung vor den Texten von Dr. Heidrun Wirth, Volker Hamann, Holger Crump und Hilde Domin, die mich bei dieser Betrachtung begleitet haben.

 

( besonders zum „Lebenslauf der Dinge“ von Holger Crump, neu erschienen dieser Tage im Bürgerportal Berg.Gladbach )

 

Eva-Maria Hermanns, 20.8.2023

 

 

 

 

 

Margret Schopka in der Galerie Basement

von Holger Crump

 

Die Malerin Margret Schopka arbeitet in der Natur, mit der Natur, und auch mit den Prinzipien der Natur. Island spielt dabei eine ganz zentrale Rolle, sowie heterogene Ausgangsmaterialien, die sie ihrer Umgebung entnimmt. Heraus kommen eindringliche Collagen, Fotografien, Objekte und Legearbeiten von sinnlicher Leichtigkeit, die ab Sonntag teils atelierfrisch im Basement 16 zu sehen sind. Der Anlass der Ausstellung ist ein ganz besonderer.

Das größte Präsent macht sich Malerin Margret Schopka zu ihrem 80. Geburtstag selbst: Sie schenkt sich eine Ausstellung mit ihren eigenen Werken. Und feiert im Basement 16 ab Sonntag ihren „Lebenslauf“ – so der Titel der Schau, für den sie vor kurzem den Staffelstab des Stadtverbandes Kultur erhalten hat.

Blüten und Blätter, Asche und Kaffeesatz, Tüll, Kleister und Teppichboden – das sind die Ausgangsstoffe, mit denen Schopka arbeitet. Ergänzt um eine wesentliche Zutat: Eine kleine Hütte auf einem zehn Quadratkilometer großen Stück Erde auf Island, der Heimat ihres Mannes. „Mit ihm sind die Liebe und Island in mein Leben gekommen“, freut sich die Jubilarin.

Hier traf sie sich immer wieder mit Künstler:innen, hier ist sie immer noch für einige Wochen im Jahr vor Ort: Für Fotografien, Land Art, Atelierarbeit, Inspiration. Der isländische Lyriker Matthías Johannessen gehört zum Freundeskreis, Textfragmente sind in einigen Arbeiten zu entdecken.

Die Ausstellung „Lebenslauf“ ist zugleich eine Werkschau, bietet einen umfassenden Überblick über Schopkas Arbeiten.In einer luftigen Hängung, die den Dialog zwischen den Werken aufspannt, großformatigen Werken Raum gibt, aber auch kleinteilige Objekte sehr stimmig inszeniert. Der Raum ermöglicht vielfältige Blickachsen, die durch Künstlerin und Kuratorin geschickt genutzt werden, Assoziationen evozieren, stets fein austariert.

Im Fokus stehen fünf ihrer Wandteppiche, die sie über die Jahre immer wieder übermalt, Schicht für Schicht, mit Blüten versieht. Fast wie ein Gartenboden, der Jahr für Jahr von fallenden Blätter, geschnittenem Gras und verwelkten Blüttern bedeckt und angereichert wird.„Selten sind so viele meiner Teppiche in einer Ausstellung vereint“, freut sich Schopka. Die Werke sind mit Weite inszeniert, geben dem Betrachter Raum für Erkundungen, geben der Ausstellung aufgrund ihrer Präsenz eine gewisse Tonalität.

Dem setzt Schopka kleine Pretiosen entgegen: Getrocknete Blumen, mit Blüten aus Glassplittern. Da werden nicht zuletzt aufgrund der Anleihen an die Sepulkralkultur unweigerlich Assoziationen zu einer schneeweißen Kulturikone der Gebürder Grimm wach, zu Blut und Liebe, Schmerz und Tod, Vergänglichkeit und Auferweckung. Passend dazu die Rosen auf Watte – verkappte Dornen, die auf Fingerkuppen lauern.


Echte Entdeckungen sind einige wenige Graslegebilder, die Schopka erstmals in einer Ausstellung zeigt. Getrocknetes Gras, auf dem Blatt fixiert, entwickelt sie zu Grafiken von luftiger Leichtigkeit.Schopka nutzt die Bilder auch dokumentarisch, präsentiert hier ihre Land Art: Ornamente, die sie auf Island aus Mehl, Asche oder Kaffeesatz entwirft. Am Strand oder vor einem Gletscher der Witterung ausgesetzt. Die Fotos lösen gut kalkulierte Irritationen beim Betrachter aus – ein Spiel der Relationen beginnt

 

Ähnlich vergänglich der Gegenstand ihrer Wurfbilder: Tischdecken, in die Luft geworfen, dem isländischen Wind ausgesetzt. Die Ästhetik von Sekundenbruchteilen wird da ans Licht geholt, überhaupt erst sichtbar gemacht. Zufall oder nicht: Manche Formen, die Margret Schopka mit ihrer ephemeren Kunst auf den Fotos einfriert, finden sich in den jüngst entstandenen Lichtfängern wieder – kleine Gebilde aus Kleister, Blüten, Kaffeesatz, die sie dem Regen ausgesetzt und geformt hat. Amorphe Gestalten, die sich stolz dem Betrachter entgegen recken oder wie ein hingeworfenes Strumpfband anmuten. Es sind diese kleinen Skulpturen, die im Wechselspiel mit den großformatigen Werken der Ausstellung Balance verleihen.

Ihren vielleicht stärksten Moment entfaltet die Schau mit einer Arbeit, die Margret Schopka vor Ort (in situ) inszeniert. Ornamente, aus Kaffeesatz gelegt, greifen das Muster des Teppichs unter dem Flügel auf. Bezugspunkte zu den Kunstteppichen, der Land Art, der ephemeren Kunst tun sich auf. Holen den Kosmos der Land Art in das Reagenzglas der Galerie. Erzählen spürbar vom Erleben der Künstlerin, wenn sie alleine mit den Elementen unterwegs ist.

„Nach der Ausstellung wird das wieder zusammengefegt“, sagt Schopka lapidar, die solche Arbeiten hin und wieder in Ausstellungen platziert. Im Basement 16 ist das freilich kongenial inszeniert, im Zusammenspiel mit dem Interieur. „Wenn ich wollte, könnte ich mit den Kaffeesatzbildern um die Welt reisen“, das Feedback zu ihren Veröffentlichungen sei enorm.

Sie habe einmal Farbe Schicht um Schicht auf Leinwand aufgetragen, schildert die Malerin, eine Allegorie auf ihr Wirken. Ein einziges Bild sollte es werden, in dem ihr ganzes künstlerisches Leben steckt. Immer wieder habe sie es überarbeitet, aber sie sei zu keinem befriedigendem Ergebnis gelangt. Letztlich habe sie es zerschnitten und als Ausgangspunkt ihrer Collagen „Lichtbild IS“ genutzt.

Das Arbeiten in und mit der Natur, die Vergänglichkeit zulassen oder aufgreifen und weiterführen – Schopkas Arbeiten werfen einen meditativen Blick auf zentrale Fragen des Menschseins. Aber wie soll die Antwort lauten, wenn das Vergängliche stets Ausgangspunkt von etwas Neuem ist.

Das Leben – es ist ein steter Kreislauf aus Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. „Lebenslauf“ – der Titel von Margret Schopkas Ausstellung darf daher keineswegs eindimensional verstanden werden. Er verweist – natürlich – auf die Jubilarin, vielmehr aber auf das Ausgangsmaterial ihrer künstlerischen Auseinandersetzung. Und deren „Lebenslauf“ ist konstituierend dafür, dass die Arbeiten überhaupt funktionieren.

Will man dafür ein Symbol in der Ausstellung finden, dann vielleicht in der Inszenierung der Lichtfänger: Margret Schopka hebt die Natur aufs Podest.

 

 

 

Dr. Heidrun Wirth, Kunsthistorikerin und Journalistin

Performative Land-Art in Island von Margret Schopka

 Auszug aus dem Vortrag auf dem 45. Kölner Island-Kolloquium

 

 

„Kunst im öffentlichen Raum“,  das klingt gut und ist doch gar nicht so einfach, insbesondere, wenn man sich wünscht, dass die Kunst vielleicht auch noch unseren Kindern und Enkeln  gefallen möge. Es gibt schnellere oder langsamere Veränderungen in der Einschätzung und Wahrnehmung, bestimmt von dem sich ständig ändernden Zeitgeist. Ein Wandel in der Einschätzung kann sich aus vielen Quellen speisen, aber wir dürfen sicher sein, alles ändert sich ständig, ist sozusagen im Fluss wie die Mode. 

 Wer weiß  denn, wie unsere Kinder und Enkel überhaupt  von den Kunstwerken sprechen,, insbesondere von denen, die in Deutschland die Plätze und Brunnen  unserer nach dem Krieg so schnell hochgezogenen Kleinstädte zieren oder auch nicht zieren.  Wie wird das denn weiter gehen? 

Man sieht es schon heute: Die immer mehr Raum beanspruchenden Plastiken und Installationen wandern in die sich immer weiter ausdehnenden Depots unserer Museen und tragen zu deren immer größeren Aufquellen bei. 

Ganz anders die Kunst, über die ich jetzt sprechen möchte. Die Land Art –Künstlerin Margret Schopka zeigt in ihrer performativen Land Art  eine neue Einstellung zur Kunst, getragen von einer wunderbaren neuen Poesie. Ihre  Kunstwerke stehen nicht als Objekte in einer Landschaft,   indem sie die Landschaft wiedergeben oder sie als attraktiven Hintergrund nutzen, sondern sie schaffen die Landschaft neu. Bei Margret Schopka entsteht Land Art als Ausdruck der Behutsamkeit, des Nachdenkens und der ästhetischen Freude.     

 Island hat sie in ihrer Kunst geprägt,  über die vielen Jahrzehnte hinweg, in denen die in Hamburg geborene Künstlerin regelmäßig die Sommermonate mit ihrem Mann Sverrir auf der Insel verbrachte und noch verbringt.

Sie lernte dort  eine  Landschaft kennen, in der die Elemente  kompromisslos zu Tage treten:  Das  Meer mit dem gischtenen Meeressaum steht für das Wasser,  das vulkanische Gestein mit der allerfeinsten Vulkanasche für Feuer wie für Erde, der unbegrenzte Himmel für die Luft bei Tag und  Nacht. Das ist die Insel.  Es fehlen die Wälder, vor allem aber fehlt auch weitgehend der Mensch mit seinem Eingreifen und seinen kulturellen Spuren, die er stets und überall, liebend gern oder auch ungefragt hinterhältig hinterlässt. Die Bevölkerungsdichte beträgt in Island 3,4 Einwohner pro Quadratkilometer. Dort entstand ihre Land Art. Doch was versteht man eigentlich darunter?

 

 

Wer über dieses Land geht, ist auf sich selbst geworfen und  nimmt die Dinge um sich herum wohl konzentrierter wahr. Er sieht, wie eigenwillig sich die Nähe direkt unter den Füßen überschneidet mit der Weite und Ferne ungreifbarer Horizonte,  und er spürt wohl die ständige Veränderung dieser vulkanischen Landschaft mit dem ständigen Nachschub von schmelzendem Gestein, das das Auseinanderdriften der Insel verhindert.  Unberechenbarkeit, aber auch eine ewige Zeitlosigkeit entspringen aus diesen Elementen, die hier offen zu Tage treten und dem Menschen ein Staunen abnötigen. 

Was sehen wir aber auf diesem Bild, entnommen aus einem kleinen dokumentarischen Künstlerbuch von Margret Schopka?

 

 Die Kunst ist ins Spiel gekommen. Da sind unzweifelhaft menschliche Spuren, die gewisse menschliche Rhythmen vorgeben. Es sind weiche Schwünge, die  die Motive an den schwarzweißen Bergrücken aufzunehmen scheinen, sogar den schrundigen Verlauf der Hügelwand im Mittelgrund. 

Dokumentiert und zugleich in Poesie verwandelt ist hier ein Stück  Land Art entstanden. Minimalistisch im Eingriff und doch unübersehbar präsent und ästhetisch beglückend ist das Ergebnis dieser Begegnung mit der isländischen Welt, ein Feenreich, das schlicht aus dem  performativen  Akt des Einsiebens entstanden ist, denn zu Grunde liegt eine Mehleinsiebung.

Die Künstlerin hat sich mit diesem Einsieben der naturbelassenen Oberfläche ganz auf das Vorgefundene eingelassen. Die Konturen verschwimmen, wir wissen nicht genau, wo die Natur in den schöpferischen Akt der Künstlerin übergeht. Das Weiß tritt in Kontakt mit dem Vulkan in der Ferne.

Wir sehen aber unschwer, dass eine kulturelle Prägung vorliegt, denn die Ornamente, die  durch aufgelegte Schablonen aufgetragen sind, können in ihrem ornamentalen Schwung und Rhythmus doch nur vom Menschen stammen, wenngleich es natürlich auch in der Natur Rhythmen gibt, die wir erkennen, wie Insektenspuren, Abschliffe von Gesteinen und so weiter. Aber wir sehen zugleich, dass es das alles nicht sein kann. Es ist und bleibt unverkennbar ein spezifisch menschlich kultureller Eingriff.   

Diese Arbeit wurde nach der Fertigstellung in diesem Zustand fotografiert und das Foto wurde später Teil eines Fotobuches, in einem kleinen nur postkartengroßen Format, auch das soll gesagt werden in den Zeiten, wo die Fotobücher wie die Kunstkataloge immer dicker und schwerer, aber deshalb nicht unbedingt interessanter werden.

Damit wurde die Arbeit zwar dokumentarisch bewahrt, doch am Ort des Geschehens ist sie bald unwiederholbar verloren, zurückgenommen von diesen strengen Elementen, die nicht mit sich spaßen lassen, die nicht Halt machen vor pyroklastischen Strömen, vor kilometerhohen Eruptions- und Dampfsäulen und gewaltigen Ascheregen.

 

Mit dieser Einsiebung von Vulkanasche auf Schnee geht es  nun umgekehrt zu: Schwarz wird auf Weiß aufgetragen.

Im Mittelalter wurde am Gipfel der Hekla das Tor zur Hölle vermutet. Als der Berg  im Jahr 1104 ausbrach, wurde die Besiedlung eines ganzen Tals unmöglich. Muss man dem Berg Opfer bringen? Vielleicht. Nicht dem Berg, sondern der grandiosen Natur, wie sie von einem Schöpfer geschaffen wurde.

Mythen kommen mit ins Spiel und schon Robert Smithson legte in seiner Earth-Art dar, dass diese Kunst nicht nur auf die topologischen Gegebenheiten reagieren würde, sondern auch in Bezug auf seine psychologischen Resonanzen. Und die reichen von den Mythen, die der Landschaft inne wohnen bis zum Tun und Befinden der Künstlerin. Margret Schopka greift mit ihrem Sieben dabei auch auf archaische Handlungsformen des Menschen zurück.

 In Rangun im fernen Myanmar fegen die Mädchen Tag für Tag für ihr Seelenheil (das heißt für eine bessere Existenz im nächsten Leben) den Boden der großen Schwedagon-Pagode blitzblank. Das  performative  Fegen besteht wie das Sieben, das schon Kinder so gern machen, in der immer gleichen Wiederholung im Tun und damit in einer minutiös feinen Annäherung (mit der Tendenz nach unendlich) sich  etwas Vollkommenem anzunähern. 

Hier auf diesem Bild ist es die dunkle feine Vulkanasche selbst, die ein wundersames Spiel treibt. 

Welchen Boden können wir betreten?

„Als im Jahre 1750 die Aufklärer Eggert Olafsson und Bjarni Pálsson den Berg Hekla  besteigen wollten, wurde ihnen dringend abgeraten,  sich auf so ein „alle Teufel der Hölle herausforderndes Unternehmen“ einzulassen und  -wie überliefert- „ein Begleiter verfiel aus Angst in starke Magenkrämpfe.“

Licht und Finsternis können diese Elemente einmal mehr verzaubern in dem Land knapp südlich des nördlichen Polarkreises  und unversehens fällt der Blick auf den Boden, der unter unseren Füßen verschwindet und der Berg wird zu einer unnahbar fernen Silhouette. Die Arbeitsspuren aber sind hier wie Spuren im Tanz festgehalten, wie der Schreittanz im Labyrinth auf dem Boden der Kathedrale in Chartres  oder wie die neu entdeckten Schreitspuren der Nasca-Kultur in den Prozessionswegen in den Anden.

Das einsame Land wird  verzaubert.  Indem Margret Schopka das Spiel mit dem Licht in der Landschaft um ihre gesiebte Ornamentik erweitert, betont sie die Schönheit dieser  Landschaft, allerdings nur für diesen einen Augenblick. Bald bekommt die Natur wieder die Oberhand und das menschliche Tun ist nur noch Erinnerung.

 

 


 

 

Gisela Schwarz,  Einführung am 10. Juni 2018 anl. der Ausstellung

Flüchtige Installationen - Keramische Arbeiten von Margret Schopka und Pauline Ullrich

iim Museum Zündorfer Wehrturm, Köln

 

 

 

 

 

Blütenteppiche von Margret Schopka im Dialog mit den Kramikobjekten von Pauline ullrich - man ist gefangen von der eigenartigen, synergetischen Wirkung der Werke.

Margret Schopka war einst fasziniert von den Gobelins, den Wandteppichen der Spätgotik mit den ornamentalen Dekors, den tausenden Blüten, stilisierten Pflanzen und Ranken, auf deren bewegten Flächen sich bildliche Darstellungen entwickeln. Eine hohe Symbolik hat diese Bildsprache der Millefleurs, der 1000 Blumen – als Mariensymbolik stehen sie im Zusammenhang mit dem aus der  Interpretation des Hohen Liedes abgeleiteten Motives des „Hortus conclusus“, des Paradiesgärtleins:

„Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell“.

 

Diese Wandteppiche haben vor vielen Jahren die Künstlerin so fasziniert, dass sie ihre eigene Bildsprache aus dem Gedanken der Millefleurs, der Millefiori, entwickelte in einer zeitgenössischen Bildsprache – auf der Rückseite von Industrieteppich verbindet sie tausende von Blütenblättern – von Tulpen und Rosen vor allem, auch Hibiskus und Bauernrosen bilden die bewegten Flächen mit den verblassenden Farben. Morbide Zeichen der Vergänglichkeit und Ewigkeit und den Rückblick auf das Dasein vermitteln auch eingearbeitete Objekte –  wie Klöppelspitzen mit Ornamenten, die sich aus dem Bildgrund plastisch in den Raum ergießen – ein Hortus conclusus, ein Paradiesgarten des 20./21. Jahrhunderts, mit allen Zeichen des Vanitas, der Vergänglichkeit.

 

Ihre Entsprechung finden Margret Schopkas Blütenteppiche in Pauline Ullrichs Keramikobjekten – eine Darstellung des Menschen, des Menschlichen, in einem Pendeln zwischen Abstraktion und Figurativem.

Zitat „Bei der Darstellung von Menschen geht es mir in erster Linie um die Frage, was wohl dahinter stehen mag – um das nicht Darstellbare, nicht vordergründig Ersichtliche“, hat sie mir in unseren Vorgesprächen gesagt.

 

Ihre Wesen entwickeln sich aus dem Boden in Wellen und Schichten in eigenem Rhythmus – sie schreiten, stehen, drehen sich, je nach Blickwinkel und Lichteinfall entwickeln sie archaische Urformen menschlicher Bewegung, jedoch nie eindeutig. Nur der Kopf entwickelt eine reduzierte menschliche Form. Er hat etwas geheimnisvoll Wesenhaftes, in sich gekehrt, verschlossen, wie in einer Traumwelt verharrend.

Zitat „Es sind Gesichtslandschaften, die sich nicht dem oberflächlichen Blick erschließen, sondern Erfahrung einfordern – Seherfahrung und Erinnerung an Traummomente...“ so definierte einmal der Schriftsteller Thomas Böhme Pauline Ullrichs Arbeiten zu der Magdeburger Ausstellung „Kopfansichten“.

 

Überraschende, fast selbstverständliche Synergien gehen die Keramikplastiken von Pauline Ullrich mit den Blütenteppichen von Margret Schopka ein – sie korrespondierenden im Licht und Schatten an den rauen Wänden des Wehrturms, entwickeln ein Licht- und Schattenspiel bei den Durchblicken und beim Erklimmen des Turms, in dem einfallenden Licht durch Schießscharten und Fenster.

Vor allem in den Vitrinen entwickeln die Blütenteppiche und Plastiken eine neue Definition des Paradiesgärtchens,  statt des Einhorns oder einer Marienfigur wandeln eine oder mehrere Figuren vor, manchmal direkt neben den Wandarbeiten, die wie Landschaften mit Himmel und Erdschichtungen und Gärten wirken.  Dies ist neu formulierte Kulturgeschichte – wie bei den Bildnissen Al Fresco und Tarquinia, die gerade frisch aus antiken Ausgrabungsorten geborgen zu sein scheinen. Oder literarische Gestalten aus Gotik, Rokoko, Barock.

 

Ist es Keramik, werden Sie sich fragen beim genaueren Blick auf Pauline Ullrichs Plastiken? Ja, es ist Keramik, Keramik, die wie colorierter Marmor oder wie Erdschichtungen wirkt. „Ton und Stein haben Verwandschaft – doch es gibt einen großen Unterschied – die Gestaltungsmöglichkeiten beim Ton sind viel größer als beim Stein“, sagt Ullrich. Sie arbeitet Fundstücke als Erinnerungsstücke ein, Ostseegläser, Bergkristalle, stempelt Hölzer, Schriften, Ornamente ein, lässt Austernschalen beim Brand die Glasur sprengen.

 

Sie verwendet Oxide, Pigmente, Aschen, spielt mit den chemischen Veränderungen beim Brand, dem sie manchmal den Sauerstoff entzieht, um Effekte wie bei der Holzfeuerung, dem Rakubrand, zu erzielen. Das ist die Technik, mit der Pauline Ullrich ihre künstlerischen Konzepte umsetzt. Sie bewegt sich zwischen Brocken und Wesen, zwischen Erdkruste, Stein und Menschlichem: „Bei der Darstellung von Menschen geht es mir in erster Linie um die Frage, was wohl dahinter sein mag – es geht nicht um das Darstellbare, sondern um das nicht vordergründig Ersichtliche.“

 

Mit diesem Konzept geht sie auch eine Symbiose ein mit Margret Schopkas Kaffeesatz-Objekten. In situ - vor Ort - hat Margret Schopka jene filigranen, aber prägnanten Werke geschaffen  – aus dunkelbraunen Kaffeesatz-Schüttungen auf Spitzentüchern. Nur die filigranen Formen und Ornamentmuster bleiben erhalten, wenn Kaffee und Spitze vorsichtig vom Untergrund oder der transparenten Folie entfernt werden.

Schopka kombiniert diese Kunst oft mit Fotografien von Landschaften aus Island – diese Materialbilder scheinen Lavaformationen und Urlandschaften mit den menschlichen Möglichkeiten zu bändigen – der Versuch zu verstehen, was in der Tiefe vorgeht oder zu domestizieren, für menschliche Kulturen urbar zu machen. Im Ensemble mit  Ullrichs Objekten wirken sie wie eine erweitere Reaktion auf Menschliches.

 

Oben unter dem Dach des Wehrturms haben die beiden Künstlerinnen eine große gemeinsame Installation inszeniert – zusammen mit der romanischen Architektur und den Säulen wirkt sie wie ein neues altes Welttheater.

Ernst Jünger „Im Kunstwerk lebt ein Glaube, der jedes Dogma überwährt.“

 

Margret Schopka hat Pauline Ullrich übrigens bei einer Ausstellung in der JVA Magdeburg entdeckt und sie zu einer gemeinsamen Präsentation hier im Wehrturm eingeladen. Eine glückliche Fügung, die Künstlerin aus Halle mit Studium an Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design, ins Rheinland zu locken.

 

 

 

 

 

 

Jürgen Kisters, Kölner Stadtanzeiger anl. der Ausstellung: Flüchtige Installation - Keramische Arbeiten im Museum Zündorfer Wehrturm mit Pauline Ullrich

 

„Das passt“, denken die Besucher bereits auf dem ersten Treppenabsatz zur aktuellen Ausstellung im Museum Zündorfer Wehrturm. Dort kommen die von Naturelementen bestimmten Kunstwerke von Margret Schopka und die Tonskulpturen von Pauline Ullrich in stimmiger Selbstverständlichkeit auf engstem Raum zusammen, um das Empfinden beinahe ins Unendliche zu weiten. Dorthin, wo das Geheimnis im Zauber tausender Blütenblätter auf der Leinwand flattert. Und dorthin, wo der sanfte Ausdruck auf dem Gesicht einer Frauengestalt in eine ungeahnte Seelentiefe führt. Wir treffen auf die Materialien der Erde als Stoff, der unser Leben bestimmt, vorantreibt und zusammenhält. Und auf die Kraft einer Erinnerung, die jenseits postmodernen Gegenwartsbewusstseins mit den beständigen Kräften uralten Kulturgeschichte verbindet. Beide Aspekte kommen zusammen in der Arbeit der Künstlerinnen, die einander während einer Gemeinschaftsausstellung in einer Justizvollzugsanstalt kennengelernt haben.

Dass scheinbar sehr verschiedenen Bildkonzeptionen in einer ähnlichen Erfahrung schwingen können, ahnen die Ausstellungsbesucher bereits auf der ersten Etage des Zündorfer Wehrturms. Um danach bis in den siebten Stock hinein erstaunliche Variationen dieser Beziehung zu erleben. Unweigerlich denkt man bei den spiraligen Frauen-Figuren, die von der 1979 in Halle geborenen Pauline Ullrich in Ton geformt werden, dass der Mensch aus der Erde wächst. Und dass er, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, sein Gefühl für diese Erdung nicht verlieren sollte. Organische Vitalität und ein Hauch von Verfall berühren einander im verhaltenen Glanz der Oberflächenglasuren der Skulpturen. Wachsen und Vergehen, Leben und Tod gehören untrennbar zusammen. Allerdings müssen wir vor Ullrichs Skulpturen nicht intellektualisieren, um zu verstehen. Wir spüren es einfach.

Eine Poesie, die Werden und Vergehen aneinanderbindet, bestimmt auch das malerische und objekthafte Vorgehen von Margret Schopka, geboren 1943. Sie entwickelt ihre filigranen Bilder auf der Rückseite alter Teppichböden, indem sie unzählige getrocknete Blütenblätter und Farben miteinander verschmelzt. Oder sie streut in flüchtigen Installationen Kaffeesatz wie dunkle Erde als Landschaft über den Boden aus.

Die stets von einer sanften Einsamkeit umwehten Frauenfiguren von Pauline Ullrich werden durch Margret Schopkas Blütenbilder in einen Raum zwischen Verletzlichkeit und Morbidität gestellt, der weniger Angst macht als Sinn gibt. Poesie und Geheimnis kommen zusammen, wenn Pauline Ullrich die menschliche Figur als Steinschichtung aus einer Erdlandschaft Schopkas herauswachsen lässt, die im nächsten Moment verweht werden könnte. Es ist die Poesie einer Naturerfahrung, die den Verfall als Teil einer unendlichen Verwandlung zu verstehen vermag. Und es ist eine Poesie, in der weibliche Sanftheit als eine Erfahrung erscheint, die eher mit der Natur einen Einklang finden kann als die Gewalt des seit der Moderne bestimmenden männlichen Naturbeherrschungsprinzips.

Diese Kunst lässt uns für Momente eine Rückkehr in die Wirklichkeit uralter Mythen empfinden. Und damit zugleich die Sehnsucht, wir könnten noch einmal eins werden mit der Natur, die seit der Entstehung der Menschheit die Grundlage des Lebens ist. So bietet die Ausstellung viel Schönheit, allerhand Bezauberung und viel Material zum Nachdenken.

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Christina zu Mecklenburg

Zeitungsartikel anläßlich der Ausstellung "hörst Du den Brachvogel" im Künstlerfrum Bonn, 2015

 

Die faszinierende Landschaft Islands, Leben, Arbeiten mit und in einer abgeschiedenen, ursprünglichen Natur, bilden die Schwerpunkte des empfehlenswerten Teamprojektes "... hörst Du den Brachvogel". Lauschen kann man den Stimmen der Moor- und Watvögel, die Verwandte der Schnepfen sind, etwa an den stillen Ufern des Stiflisdal-See.

 

In ihre dort angesiedelte Wahlheimat hat Projektinitiatorin und Kuratorin Margret Schopka (Overath) in den vergangenen vier Jahren insgesamt neun Künstlerinnen zu einem Symposium eingeladen. Das Ergebnis der Arbeitsaufenthalte ist ein starker Mix aus poetischer und konstruktiver Land-Art, dokumentarischer und inszenierter Fotografie, Videokunst, Installation- und Objektkunst, zeichnerischen und malerischen Experimenten.

Eine vornehmlich sinnlich diktierte Bandbreite von mikro- und makrokosmischen Erkundungen pointiert allenthalben die herb raue Vitalität, den melancholischen Charme sowie die ökologische Dynamik Islands.

Heraufbeschworen werden vielfach stimmungsdichte Naturerfahrungsräume wie: verhangene Himmelszelte, Moore, Sümpfe, Fjorde, Felsen, Meeresufer, Gletscher und Vulkane, sanfte Hügelketten, Binnengewässer, Moos, Wild-Flora, Steingeröll, Lavaschotter, "Schwefelquellen", (Farbfotografie von Maresa Jung, Hennef), Geysire. Der archaische Spiritus Loci der Insel vibriert weiterhin in Anspielungen auf die Welt der Mythen, Märchen, Legenden (Nora Münch, Zürich), auf Luft- und Wassergeister.

Er ist präsent in rustikal inszenierten Pastoralen (Angelika Witteck, Köln), in mikroskopisch untersuchten Erd- und Waldgrundproben (Elisabeth Eberle, Zürich) oder gar in animierten Eis- und Steinmosaiken.

Glanzlichter der Hommage beschert Insiderin und Land Art Künstlerin Schopka in Gestalt von meditativen In-situ-Projekten oder verwittert morbider Naturornamentik (Fotodokumentation, Wandtapisserie) und einem lyrischen Abendhimmelprotokoll (Video).

Eine geistreiche Eskapade erlaubt sich derweil Ilse Wegmann (Bad Honnef) durch theatralische Formkonversionen und hurtige Dimensionsmutationen eines Wohnmobils.

 

Einladungskarte ....hörst Du den Brachvogel?

 

 

 

 

 

 

 

Rede von Inge Broska, Künstlerin, anläßlich der Verleihung des Kunstpreises der Galerie Judith Dielämmer 2014 an mich.

 

Archaische isländische Landschaften -langsam weich in der Ferne verschwindend- entstanden durch Ablagerungen in Millionen von Jahren, sind die vorwiegende Inspirationsquelle für die Arbeiten von Margret Schopka.

Nahezu alle ihre Arbeiten, auch wenn sie nicht die Landschaft als Thema haben bzw. darin entstanden sind, erinnern an landschaftliche Formationen: so auch Portraits,  collagierte TausendBlumen-, Sandteppiche  usw.

Die LandArt (ein modernes Kunstwort.. !!) von Margret Schopka ist eine behutsame unspektakuläre integrative Kunstform. Dagegen kann "Landkunst"  zuweilen mit rigorosen Eingriffen von "Menschenhand" in die Natur, viel energetischem und finanziellem Aufwand einhergehen- Kunstmüll und ggf. bleibende "Wunden" hinterlassend. Ein Glück- es gibt auch viele postive Beispiele für Landschaftsveränderung. Margret Schopka hinterläßt keine bleibenden Spuren in der Landschaft. Ephemere Kunst ... eine  umweltfreundliche im positiven Sinne "bescheidene" Variante der LandArt.  Eins ihrer künstlerischen  Merkmale. Sie arbeitet alleine auf sich gestellt in der weiten isländischen Landschaft und läßt sich vor Ort überaschen und inspirieren. Fast alle ihre Arbeiten sind vergänglich..... jedenfalls am Ort des Geschehens. So sind wir dankbar für die Hinterlassenschaften in der Dokumentation. Ein Sandteppich zB.- enstanden durch übersieben und sehr vorsichtige Wiederentfernung eines Tischtuches mit Lochstickerei, kann durch einen einzigen Windhauch oder eine kurze Regenschauer in Sekunden der Vergangenheit angehören. Ebenso die nach der gleichen Arbeitsweise entstandenen Grundrisse eines antiken Tempels aus der Renaissance-Epoche. Hier wurde das zarte textile Material durch von der Künstlerin ornamental ausgeschnittenen Teppichboden ausgetauscht und eingesiebt. Kurzfristige Naturlaunen  können diese Schönheiten für alle Zeit wieder in´s Unsichtbare versinken lassen.

In der Kombination von Malerei und Fotografie als Collage entstehen fantastisch anmutende visionäre Landschaften. Hier "wachsen"durch Malerei- unter einer Landschaftsfotografie die Vision eines darunter sonst unsichtbaren Untergrundes. Da ist scheinbar eine senkrecht mit großem scharfen Messer durchtrennte reale schroffe  FelsenFormation mit vielen Gesteinsbrocken und Felsspitzen usw. zu sehen, perfekt- naturalistisch gemalt darüber, beides nur getrennt durch eine feine dünne weiße  Linie. Margret Schopka erklärte mir... diese Formationen wären beim Malen intuitiv "vor ihrem inneren Auge" entstanden. Das soll es ja geben... Dies ist mE.  ja nur möglich, bei einer innigen Verbundenheit mit einer Landschaft bzw. einem Ort.

In einer anderen Collage wurde die Landschaft unter der Erdoberfläche durch ein surreales Gebilde (ehemals ein Brillenetui) mit fragiler sensibler Stickerei, ergänzt durch ein textiles Tigerfellmuster. Erotisch wollüstig, an ein großes Spiegelei erinnernd, umgeben von grünen Blättern, wie frischgekochter Spinat.

Unnachahmlich, unVerwechselbar ... eigenständig ist Margret Schopkas Arbeit...keine großen Vorbilder lassen aufdringlich grüßen !!! EatArt in höchster Vollendung. Viele Vergleiche aus anderen Bereichen drängen sich geradezu auf.. Worüber wandeln wir (mental,real) ?.

Nicht zuletzt die vor Ort entstandenen Blütenteppiche, wo unsereins drin baden möchte, werden der Natur wieder zurückgegeben. Bei manchen Teppichen schimmern jedoch noch die alten verblassten Muster der Original-Auslegeware aus Oma´s und Mama´s Wohnzimmer hindurch... Derzeit noch fester Bestand der künstlerischen Arbeit der Künstlerin... Wehmütig, tröstlich, doch ebenso irgendwann vergänglich...

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde;  wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.... (aus Psalm 103).

 

 

 

Susanne Geuer anläßlich meiner Ausstellung in den weißen Gärten Bonn

Die Topographie des Paradieses

 

Liebe Gäste, Freunde, Frühlingsuchende - Ute Poeppel und ich heißen Sie, Euch, herzlich willkommen, ganz besonders natürlich Margret Schopka, als Künstlerin, deren Ausstellung  „1000Blumenteppiche“ heute hier eröffnet wird. Es ist eine Premiere für uns: die erste Ausstellung einer Gastkünstlerin in den Weißen Gärten. Wir sind deswegen auch aus dem Häuschen vor Freude. Freude über die Werke und ihre Wirkung für diesen Raum, Freude, dies an Sie weitergeben zu können. Daher an dieser Stelle zuallerst ein großes Danke der wunderbaren Margret Schopka für ihre Mitarbeit.

 

1000Blumenteppiche ist ein Wort, an dem man schwer vorbei-hören kann. Im Gegenteil: Man möchte hinhören. Denn dies Wort klingt verheißungsvoll: nach Vergnügen für die Augen, für die Sinne, nach Bezauberung, nach Pracht, nach etwas jenseits unserer bekannten Vorstellungen. Ein vielversprechendes Wort also ausserhalb unseres Alltags-Wortschatzes, das uns anzieht, anlockt.

 

Margret Schopka ist schon seit längerem dieser Verlockung, dieser Spur gefolgt und heute Sie.

Sie führt einige Jahrhunderte zurück, ins Spätmittelalter, an den Hof burgundischer Fürsten. Und dort zu unermesslich kostbaren Schätzen, den tapis á mille fleurs, den Teppichen aus tausend Blumen. 1000 ist das Maß für den überwältigenden floralen Detailreichtum. So ungeheuer vielfältig und vielzählig schmücken Blumen diese aus feinster Wolle, Seide und Gold gewirkten Bild-Teppiche. Eigentlich nur Gebrauchsgegenstand, waren den höfischen Herrschern ihre Teppiche vielmehr: Insignien von Reichtum, Macht und Bedeutsamkeit, die

Staunen und Bewunderung bei den Zeitgenossen und bei den touristischen Nachfahren hervorrufen.

 

Aber die Spur führt auch ins Unbehauste, in die Arktis, nach Island, zum kargen Boden, zum moosigen Grund, zum Wechsel der Jahreszeiten, der Lichtzeiten, zur Arbeit mit Naturmaterialien, mit der Natur selbst.

Als Vertreterin der Land-Art arbeitet M. Schopka seit 1998 mit und auf der flüchtigen, sich wandelnden Erde Islands.

Und die Spur führt ins Atelier der Künstlerin, auch dort, zum Boden, dem alten Teppichboden. Eines Tages dreht sie ihn um, legt die Rückseite nach oben, um den Schmutz der Vorderseite vor den Augen zu verbergen. Und sie wird beginnen genau diese Seite, die verkehrte Seite des Teppichs als Ausgangspunkt für die künstlerische Arbeit zu wählen. Auslegware vom Sperrmüll wird fortan das Objekt ihrer Wahl: Zufällige Fundstücke, mit deutlichen Spuren des Gebrauchs gezeichnet. Gesäubert und geborgen, erschließen diese Kunst-Stoff-Reste für M. Schopka neu zu entdeckende fremde Bildterritorien.

 

Wie geht das zusammen? Das Kostbare, Erlesene, Hinreißende und das Unscheinbare, Wertlose und Abgenutzte? Das Künstliche und das Natürliche?

 

  1. S. sagte mir im Vorgespräch zu dieser Ausstellung: ich weiß, wie schön es war mit ihnen (den Teppichen) – welche Momente des Glückes und der Freude ich hatte.

 

Vielleicht verwundert Sie das. Ich denke dazu, M. Schopka verwandelt die Dinge. Mit der ihr eigenen intuitiven prozesshaften künstlerischen Kraft begibt sie sich auf eine Reise, deren Ziel sie selbst nicht kennt. Sie folgt den Spuren, den alten, uralten, den neuen.

 

Seit 2000 bis heute sind von ihrer Hand 10 Tapisserien entstanden, Man kann auch sagen, jedes Jahr etwa 1 Teppich. Das stimmt nicht ganz so: an vielen hat sie über Schaffensprozess also, in dem beständige Überarbeitung die Vorgehensweise ist, analog  eines Wachstumsprozesses.

 

Schicht auf Schicht schält und schabt sie Strukturen aus dem PVC-Schaumrücken des Teppichgrundes, collagiert sie frische Bütenblätter von zumeist Rosen oder Tulpen mit Tapetenkleister, modelliert sie mit Acrylfarbe Teppichinnereien, und Spitze. Fahle verblichene Farbtöne stehen neben frischen leuchtenden, helles wächst aus dunklen Gründen oderdie Jahre immer wieder weiter-gewirkt, Veränderungen von Details, Veränderungen der Veränderungen und so fort. Ein langsamer Schaffensprozess also, in dem beständige Überarbeitung die Vorgehensweise ist, analog  eines Wachstumsprozesses.

Schicht auf Schicht schält und schabt sie Strukturen aus dem PVC-Schaumrücken des Teppichgrundes, collagiert sie frische Bütenblätter von zumeist Rosen oder Tulpen mit Tapetenkleister, modelliert sie mit Acrylfarbe Teppichinnereien, und Spitze. Fahle verblichene Farbtöne stehen neben frischen leuchtenden, helles wächst aus dunklen Gründen oderumgekehrt. Der Textilgrund bricht und bäumt sich unterschiedlich stark auf durch die eintrocknende Feuchtigkeit von Farbe und Kleister. Eine beinahe organische Materialverwandlung findet statt. Wir möchten irritiert fragen: lebt das Gebilde etwa?   

 

Die burgundischen Fürsten sahen in ihren 1000Blumenteppichen ein vorgestelltes Bild des irdischen Paradieses: Die vielfältig sprießende Natur in ihrer vollen und zeitlosen Blüte, naturalistisch und botanisch exakt, ohne Anzeichen von Vergänglichkeit, war ihnen Vollendung.

 

Magret Schopka arbeitet dagegen im Fluss der Zeit, mit der Vergänglichkeit der Dinge. 

 

 

Spuren der Zeit: Margret Schopka in der Galerie Schröder und Dörr

von Holger Crump

 

 

Blüten und Blätter, Asche und Kaffeesatz, Gaze und Teppichboden – so vielfältig wie die Ausgangsstoffe sind auch die Werkgattungen, in denen die Malerin Margret Schopka zuhause ist. Die Ausstellung „Lyrische Verschmelzung“ in der Galerie Schröder und Dörr bietet einen guten Überblick über ihr Oeuvre, das sie selbst mit Poesie und Vergänglichkeit überschreibt. Die Schau überrascht mit einer zentralen Erkenntnis.

„Sammeln und gehen, das hat viel mit meiner Arbeit zu tun“, erklärt Margret Schopka. Die in Hamburg geborene Malerin hat ein Atelier in der Grube Weiß. Gleichwohl ist sie oft in Island unterwegs, dem Heimatland ihres Mannes.

Das Land, die Geografie, das Licht, Naturmaterialien wie Sand, Vulkanasche und Pflanzen gehören zu ihren Inspirationsquelle. Sie sind Ausgangspunkte für Buchprojekte, Collagen aus Foto und Malerei, amorphe Objekte, Land-Art.

 

 

Exponat als Momentaufnahme

Schopka ist äußerst vielschichtig in ihren Arbeiten. Verweist auf Poesie und Vergänglichkeit als Bezugspunkte ihres Oeuvres. Verweigert den Exponaten durch stete Überarbeitung gerne die finale Form, entwickelt intuitiv weiter, das Exponat ist oft nur eine Momentaufnahme.

Konsequent setzt sie auf ephemere Kunst: Vergängliche Arbeiten wie Ornamente aus Sand, die sie in situ – vor Ort – spontan entwickelt und als Fotoprojekte oder Künstlerbücher festhält.

 

Ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Schröder und Dörr bietet einen guten Überblick über die verschiedenen Werkgattungen, in denen die Künstlerin zuhause ist. Sie offenbaren Schopkas Lust an der Intuition, an der Inspiration durch die Natur, an der Freude bei der Verarbeitung von Fundstücken.

 

Wie in der Serie Telefonbuch-Herbarium: Alte Telefonbücher, die ihr von einer 94-jährigen Dame überlassen wurden. Darin fand sie gepresste Blumen, die Schopka mit Farbe und Typografie auf dem Blatt inszentiert. Die Vergänglichkeit ist im Ausgangsmaterial bereits angelegt, sie kombiniert die Botanische Arche Noah mit zufällig ausgewählten Adressaten des Buches. Das hat seinen Stellenwert als Navigator durch eine Gesellschaft längst eingebüßt und dem Digitalen Platz eingeräumt.

Lichtbild.IS entwickelte Schopka aus Unmengen von Fotos, die sie während ihrer Aufenthalte in Island macht. Kombiniert mit Leinwand und Malerei, welche die Künstlerin Schicht um Schicht aufträgt. Den Jahrmillionen an Erdgeschichte setzt sie den nicht endenwollenden, künstlerischen Schaffensprozess entgegen.

„In Island lebe ich quasi inmitten meines Exponats“, berichtet sie von ihren Aufenthalten auf dem zehn Quadratkilometer großen Stück Erde, das sie in einer kleinen Hütte mit ihrem Mann bewohnt. Karg und mit wenig Komfort. Ein Leben, dem sie Tag und Nacht immer neue Facetten abzuringen vermag.

 

Tausend Blüten

Kleister, Vulkanasche, Kaffeesatz und Blätter entwickelt Margret Schopka in den titelgebenden Arbeiten „Lyrische Verschmelzung“ zu Stücken, die sich jeder Kategorisierung entziehen. Gemälde, Skulptur, Objekt, auf Gaze gearbeitet – das lässt sich kaum fassen, ist Haut, Rinde, Waldboden und Vulkanlandschaft zugleich. Sie sprengt die Grenze von Flora und Fauna, von Gestern und Morgen, friert den Augenblick ein.

Hintersinnig das Werk „Ewige Hochzeitsreise“ – Rosen auf Watte gebettet, als Symbol von Reinheit, Ewigkeit, Liebe, aber auch von verkappten Dornen, die im weichen Blütenteppich lauern. Ein Werk im Dialog mit ihren Wandteppichen:

„Die Millefleurs-Wandteppiche der Renaissance haben mich zu den Tausendblüten-Teppichen inspiriert“, erklärt Schopka, die zu den stärksten Arbeiten der Ausstellung gehören. Die Wandteppiche seien ein Symbol der Macht gewesen, als wärmender Wandbehang zugleich aber auch ein kostbarer und luxuriöser Behelf in den kalten Behausungen vergangener Jahrhunderte.

 

„Du bist das Bruchstück einer Erde, die Dich einen Augenblick begleitet“ lautet der Text, den Schopka mit Seegras auf einen Teppich gesetzt hat. Sie zitiert damit einen befreundeten isländischen Dichter, der die Zeilen seiner verstorbenen Frau widmet.

 

 

Spuren der Zeit

Den aufgeschäumten Trägerstoff der beiden ausgestellten Teppiche hat sie nach und nach freigelegt, entwickelt so eine eigene Leinwand mit Patina, überarbeitet sie mit Farbe, frischen Blüten, Kleister. Und formt einen neuen, mächtigen Gobelin, den sie wie ein Tagebuch mit Spuren der Zeit versieht.

In der Serie „Vom Winde verweht“ treibt sie das Prinzip ephemerer Kunst auf die Spitze – fotografiert Tischdecken im Spiel des Windes, der stetig auf Island bläst. Und hinterfragt so das Wesen des Augenblicks, das Wesen der Zeit. Eine lyrische Parabel für die Vergänglichkeit.

Das wird auch in den Künstlerbüchern deutlich, die Schopka in der Ausstellung zeigt. Land-Art: Asche oder Mehl auf isländischem Schnee zu Ornamenten angeordnet, der Witterung ausgesetzt. Oder Kaffeebesuche: Arabeske auf Bistrotischen, die sie mit Spitzendecken und Kaffeesatz arrangiert und nach der Fotodokumentation wieder vernichtet. Oder die Strickstücke: Arbeiten aus Wolle, nachgelegt aus Sand und Asche, inspiriert aus isländischer Landschaft.

 

Erlösung

Ja, es gibt viel an Poesie und Vergänglichkeit zu entdecken im Werk von Margret Schopka. Aber man muss sich den Arbeiten gar nicht konzeptionell nähern. Ihre sanfte Wucht entfalten sie alleine schon durch Offenheit und Neugier, durch den Blick für das Detail, die Bereitschaft sich vom teils morbiden Charme der Arbeiten entführen zu lassen.

Und Margret Schopka gelingt zugleich eine wohltuende Leistung: Indem sie den Augenblick inszeniert, die Permanenz gegen die Vergänglichkeit austauscht, erlöst sie uns auf angenehme Weise vom Fetisch des Besitzes.

Und betont im Zeitalter der omnipräsenten Verfügbarkeit von Konsumgütern den besonderen Stellenwert der langsam verblassenden Erinnerung.

 

 

 

 

 

 

Über meine Arbeiten schreibt Doris Hensch, Kunsthistorikerin

Die Künstlerin Margret Schopka, hat in Hamburg Malerei studiert, beschränkt sich jedoch auf diese Gattung schon lange nicht mehr. So wurde sie u. a. durch ihre Arbeiten zur Land-Art bekannt und erhielt im Rahmen von 5 ausgewählten Künstlern anlässlich des Kunstprojektes "Lichtungen" in der Documenta-Stadt Kassel zuletzt im Jahr 2000 für ihre Teilnahme mit der Arbeit "Steinerne Gärten" einen Preis. Die Künstlerin fräste in einem ungeheuren Kraftakt über eine Länge von 17 Metern drei symmetrische Ornamente, wie man sie in Renaissancegärten findet, in den Asphalt eines brachliegenden Bahnhofgeländes. Es sind - so die Künstlerin - "steinerne Gärten, die sich im Laufe der Zeit durch Bewuchs der Ornamente zu lebendigen Gärten verwandeln werden".

 

Weiche Stelen: Aufgrund ihrer gleichen Maße, der betonten Vertikalität und der seriellen Aufstellung strahlen diese Arbeiten eine merkwürdige Strenge aus, die mit der Weichheit des Materials kontrastiert. Betrachtet man die in dem schweren Gold gerahmte Arbeit näher, so ist dort zu lesen: Nutzschicht 100 % Polyamid - das ist die geschäumte Rückseite von Teppichboden. Diese gepolsterten Kunstwerke bestehen also aus nichts geringerem als altem Teppichboden, der für die Künstlerin eine ungemein ästhetische Qualität besitzt und den sie einer intensiven Bearbeitung und damit einer frappierenden Veränderung unterzieht. Stanzungen, teilweise mit getrockneten Blüten, Erdpartikeln oder Farbe gefüllt, deckende oder lasierende Farbschichten lassen Werke unterschiedlichster Aussagen entstehen. Teilweise wirken sie lyrisch und leicht, so als würden sie ein wenig vor der Wand schweben, dann wieder streng, dunkel und schwer oder verletzt wie gerissener Asphalt - immer aber vollkommen. Verbindend für diese Arbeiten ist außer ihrer Proportionalität, ihr ausschnitthafter Charakter, den die Künstlerin durch die Reihung bzw. beständige Wiederholung eines Motivs erreicht. Diese Methode wird besonderes in der großen monochromen und in der gerahmten kleinen Arbeit deutlich.

Moosfries: Ihr Spiel, die vorgefundene Realität zu verfremden und damit in Frage zustellen, spitzt Margret Schopka zu, wenn sie einen natürlichen Bodendecker, das Moos, zu einem Fries verarbeitet an die Wand bannt. Die teilweise in symmetrischer Reihung auf das Moos aufgebrachten Farbtupfer oder kachelartigen Muster verleihen dem Objekt einen sehr artifiziellen Charakter und lassen hier schon eher an einen Teppich denken. Folgerichtig endet die mit Moos beschichtet Stele denn auch mit einer Art Fransen.
Beispiele aus dem malerischen Oeuvre der Künstlerin befinden sich in der Vitrine. Auch für diese Serie kleinformatiger Werke erhielt Margret Schopka im vergangenen Jahr den Kunstpreis 2002 für Malerei in Dierdorf. Das es sich bei den kleinformatigen "Menschenbildern", die ein Kindergesicht in vielen Variationen zeigen, um reine Malerei handelt, scheint auf den ersten Blick kaum glaubhaft. Sind das nicht verwischte, stark bearbeitete alte Kinderfotos? Ist es diese Assoziation, die diese Arbeiten so ans Gemüt gehen lässt? Vermag allein die starke Bearbeitung der Bildfläche, der Hell/Dunkel-Kontrast oder die Technik des Verwischens diese eigentümliche, rätsel-hafte Aussage, die fast atmosphärisch über den Arbeiten zu liegen scheint, hervorrufen? Sind es die großen runden Kinderaugen, der offene Mund oder gerade ihre Verzerrungen, die ein Leiden suggerieren, das gar nicht individuell erscheint, sondern Allgemeingültigkeit beansprucht?.

 

Beispiele aus dem malerischen Oeuvre der Künstlerin befinden sich in der Vitrine. Auch für diese Serie kleinformatiger Werke erhielt Margret Schopka im vergangenen Jahr den Kunstpreis 2002 für Malerei in Dierdorf. Das es sich bei den kleinformatigen "Menschenbildern", die ein Kindergesicht in vielen Variationen zeigen, um reine Malerei handelt, scheint auf den ersten Blick kaum glaubhaft. Sind das nicht verwischte, stark bearbeitete alte Kinderfotos? Ist es diese Assoziation, die diese Arbeiten so ans Gemüt gehen lässt? Vermag allein die starke Bearbeitung der Bildfläche, der Hell/Dunkel-Kontrast oder die Technik des Verwischens diese eigentümliche, rätsel-hafte Aussage, die fast atmosphärisch über den Arbeiten zu liegen scheint, hervorrufen? Sind es die großen runden Kinderaugen, der offene Mund oder gerade ihre Verzerrungen, die ein Leiden suggerieren, das gar nicht individuell erscheint, sondern Allgemeingültigkeit beansprucht?.

 
Auf die gleich Weise fühlt sich der Betrachter- wenn auch weniger dramatisch- von den beiden kleinen Kinderköpfen auf den hohen schmalen Säulen angesprochen. Zunächst erinnern diese Arbeiten an Putti, bekannt aus zahlreichen alten Bildern und Fresken. Und doch strahlen diese aus profanem Pappmachée so ungemein sensibel geformten Miniaturen eine Weisheit aus, die in einer bemerkenswerten Spannung zu den runden, pausbäckigen Kindergesichtern steht
 
Obwohl die hier gezeigten Arbeiten nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Oeuvre der Künstlerin zeigen, spiegeln sie ihr künstlerisches Konzept:
Wesenhaft für ihre Kunst ist die Lust am Spiel mit vermeintlichen Realitäten. Durch ihren freien Umgang mit vorgefundenen Objekten oder Formen schafft Schopka eine Art Vexierbilder, die über ihre ästhetische Qualität hinaus zunächst Fragen nach Mate-rialität und Technik hervorrufen, ohne sich in ihrer Beantwortung zu erschöpfen. Ihre Kunst ist das Resultat eines künstlerischen Blicks, eines grenzüberschreitenden Sehens der Dinge, das auch unsere Sicht zu weiten vermag. Margret Schopka bearbeitet Gegenstände des alltäglichen Lebens so stark, dass sie in ihrer künstlerischen Ver-fremdung als solche kaum mehr erkennbar sind und einen völlig neuen Bedeutungs-gehalt erfahren. Sie ist weder an Trash-Art interessiert noch hat der naturgegebene Verfall für sie eine besondere ästhetische Dimension. Ihr Interesse gilt dem Material, dem Stoff selbst. Da macht es keinen Unterschied, ob es sich um PVC handelt, um die Feinheit verwelkter Blütenblätter, um die Transparenz von Klarsichtfolie oder die Deckkraft und Elastizität von Farben.
Material oder Gegenstand werden beständig variiert und weiterentwickelt. Die so ent-standene Serie macht dieses Spiel mit Formen, Farben und Materialien stets nachvoll-ziehbar. Was den Betrachter staunen lässt, ist das künstlerische Kalkül und der sichere Blick, mit denen die Künstlerin ihrem freien Spiel ein Ende setzt und ihm das Werk mit seiner spezifischen Aussage überlässt. Margret Schopka arbeitet weder mit Sym-bolen, noch macht sie aus ihrer Kunst ein Geheimnis. Mit ihrer Kunst versteht sie es, auch profanste Versatzstücke unseres Alltags künstlerisch aufzuladen und eine Aus-sage zu erzielen, die sanft wie ein Schmetterling über den Dingen schwebt. Und so wie man dem Schlag eines Schmetterlingflügels in der Chaostheorie eine nachhaltige Wirkung zuschreibt, schafft ihre Kunst ein bleibendes Echo.

 

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© Margret Schopka