Texte

                                           Dr. Heidrun Wirth, Kunsthistorikerin und Journalistin

Performative Land-Art in Island von Margret Schopka

                           Auszug aus dem Vortrag auf dem 45. Kölner Island-Kolloquium

 

„Kunst im öffentlichen Raum“,  das klingt gut und ist doch gar nicht so einfach, insbesondere, wenn man sich wünscht, dass die Kunst vielleicht auch noch unseren Kindern und Enkeln gefallen möge. Es gibt schnellere oder langsamere Veränderungen in der Einschätzung und Wahrnehmung, bestimmt von dem sich ständig ändernden Zeitgeist. Ein Wandel in der Einschätzung kann sich aus vielen Quellen speisen, aber wir dürfen sicher sein, alles ändert sich ständig, ist sozusagen im Fluss wie die Mode. 

 Wer weiß  denn, wie unsere Kinder und Enkel überhaupt  von den Kunstwerken sprechen,, insbesondere von denen, die in Deutschland die Plätze und Brunnen  unserer nach dem Krieg so schnell hochgezogenen Kleinstädte zieren oder auch nicht zieren.  Wie wird das denn weiter gehen? 

Man sieht es schon heute: Die immer mehr Raum beanspruchenden Plastiken und Installationen wandern in die sich immer weiter ausdehnenden Depots unserer Museen und tragen zu deren immer größeren Aufquellen bei. 

Ganz anders die Kunst, über die ich jetzt sprechen möchte. Die Land Art –Künstlerin Margret Schopka zeigt in ihrer performativen Land Art  eine neue Einstellung zur Kunst, getragen von einer wunderbaren neuen Poesie. Ihre  Kunstwerke stehen nicht als Objekte in einer Landschaft,   indem sie die Landschaft wiedergeben oder sie als attraktiven Hintergrund nutzen, sondern sie schaffen die Landschaft neu. Bei Margret Schopka entsteht Land Art als Ausdruck der Behutsamkeit, des Nachdenkens und der ästhetischen Freude.     

 Island hat sie in ihrer Kunst geprägt,  über die vielen Jahrzehnte hinweg, in denen die in Hamburg geborene Künstlerin regelmäßig die Sommermonate mit ihrem Mann Sverrir auf der Insel verbrachte und noch verbringt.

Sie lernte dort  eine  Landschaft kennen, in der die Elemente  kompromisslos zu Tage treten:  Das  Meer mit dem gischtenen Meeressaum steht für das Wasser,  das vulkanische Gestein mit der allerfeinsten Vulkanasche für Feuer wie für Erde, der unbegrenzte Himmel für die Luft bei Tag und  Nacht. Das ist die Insel.  Es fehlen die Wälder, vor allem aber fehlt auch weitgehend der Mensch mit seinem Eingreifen und seinen kulturellen Spuren, die er stets und überall, liebend gern oder auch ungefragt hinterhältig hinterlässt. Die Bevölkerungsdichte beträgt in Island 3,4 Einwohner pro Quadratkilometer. Dort entstand ihre Land Art. Doch was versteht man eigentlich darunter?

 

 

Wer über dieses Land geht, ist auf sich selbst geworfen und  nimmt die Dinge um sich herum wohl konzentrierter wahr. Er sieht, wie eigenwillig sich die Nähe direkt unter den Füßen überschneidet mit der Weite und Ferne ungreifbarer Horizonte,  und er spürt wohl die ständige Veränderung dieser vulkanischen Landschaft mit dem ständigen Nachschub von schmelzendem Gestein, das das Auseinanderdriften der Insel verhindert.  Unberechenbarkeit, aber auch eine ewige Zeitlosigkeit entspringen aus diesen Elementen, die hier offen zu Tage treten und dem Menschen ein Staunen abnötigen. 

Was sehen wir aber auf diesem Bild, entnommen aus einem kleinen dokumentarischen Künstlerbuch von Margret Schopka?

 

 Die Kunst ist ins Spiel gekommen. Da sind unzweifelhaft menschliche Spuren, die gewisse menschliche Rhythmen vorgeben. Es sind weiche Schwünge, die  die Motive an den schwarzweißen Bergrücken aufzunehmen scheinen, sogar den schrundigen Verlauf der Hügelwand im Mittelgrund. 

Dokumentiert und zugleich in Poesie verwandelt ist hier ein Stück  Land Art entstanden. Minimalistisch im Eingriff und doch unübersehbar präsent und ästhetisch beglückend ist das Ergebnis dieser Begegnung mit der isländischen Welt, ein Feenreich, das schlicht aus dem  performativen  Akt des Einsiebens entstanden ist, denn zu Grunde liegt eine Mehleinsiebung.

Die Künstlerin hat sich mit diesem Einsieben der naturbelassenen Oberfläche ganz auf das Vorgefundene eingelassen. Die Konturen verschwimmen, wir wissen nicht genau, wo die Natur in den schöpferischen Akt der Künstlerin übergeht. Das Weiß tritt in Kontakt mit dem Vulkan in der Ferne.

Wir sehen aber unschwer, dass eine kulturelle Prägung vorliegt, denn die Ornamente, die  durch aufgelegte Schablonen aufgetragen sind, können in ihrem ornamentalen Schwung und Rhythmus doch nur vom Menschen stammen, wenngleich es natürlich auch in der Natur Rhythmen gibt, die wir erkennen, wie Insektenspuren, Abschliffe von Gesteinen und so weiter. Aber wir sehen zugleich, dass es das alles nicht sein kann. Es ist und bleibt unverkennbar ein spezifisch menschlich kultureller Eingriff.   

Diese Arbeit wurde nach der Fertigstellung in diesem Zustand fotografiert und das Foto wurde später Teil eines Fotobuches, in einem kleinen nur postkartengroßen Format, auch das soll gesagt werden in den Zeiten, wo die Fotobücher wie die Kunstkataloge immer dicker und schwerer, aber deshalb nicht unbedingt interessanter werden.

Damit wurde die Arbeit zwar dokumentarisch bewahrt, doch am Ort des Geschehens ist sie bald unwiederholbar verloren, zurückgenommen von diesen strengen Elementen, die nicht mit sich spaßen lassen, die nicht Halt machen vor pyroklastischen Strömen, vor kilometerhohen Eruptions- und Dampfsäulen und gewaltigen Ascheregen.

 

Mit dieser Einsiebung von Vulkanasche auf Schnee geht es  nun umgekehrt zu: Schwarz wird auf Weiß aufgetragen.

Im Mittelalter wurde am Gipfel der Hekla das Tor zur Hölle vermutet. Als der Berg  im Jahr 1104 ausbrach, wurde die Besiedlung eines ganzen Tals unmöglich. Muss man dem Berg Opfer bringen? Vielleicht. Nicht dem Berg, sondern der grandiosen Natur, wie sie von einem Schöpfer geschaffen wurde.

Mythen kommen mit ins Spiel und schon Robert Smithson legte in seiner Earth-Art dar, dass diese Kunst nicht nur auf die topologischen Gegebenheiten reagieren würde, sondern auch in Bezug auf seine psychologischen Resonanzen. Und die reichen von den Mythen, die der Landschaft inne wohnen bis zum Tun und Befinden der Künstlerin. Margret Schopka greift mit ihrem Sieben dabei auch auf archaische Handlungsformen des Menschen zurück.

 In Rangun im fernen Myanmar fegen die Mädchen Tag für Tag für ihr Seelenheil (das heißt für eine bessere Existenz im nächsten Leben) den Boden der großen Schwedagon-Pagode blitzblank. Das  performative  Fegen besteht wie das Sieben, das schon Kinder so gern machen, in der immer gleichen Wiederholung im Tun und damit in einer minutiös feinen Annäherung (mit der Tendenz nach unendlich) sich  etwas Vollkommenem anzunähern. 

Hier auf diesem Bild ist es die dunkle feine Vulkanasche selbst, die ein wundersames Spiel treibt. 

Welchen Boden können wir betreten?

„Als im Jahre 1750 die Aufklärer Eggert Olafsson und Bjarni Pálsson den Berg Hekla  besteigen wollten, wurde ihnen dringend abgeraten,  sich auf so ein „alle Teufel der Hölle herausforderndes Unternehmen“ einzulassen und  -wie überliefert- „ein Begleiter verfiel aus Angst in starke Magenkrämpfe.“

Licht und Finsternis können diese Elemente einmal mehr verzaubern in dem Land knapp südlich des nördlichen Polarkreises  und unversehens fällt der Blick auf den Boden, der unter unseren Füßen verschwindet und der Berg wird zu einer unnahbar fernen Silhouette. Die Arbeitsspuren aber sind hier wie Spuren im Tanz festgehalten, wie der Schreittanz im Labyrinth auf dem Boden der Kathedrale in Chartres  oder wie die neu entdeckten Schreitspuren der Nasca-Kultur in den Prozessionswegen in den Anden.

Das einsame Land wird  verzaubert.  Indem Margret Schopka das Spiel mit dem Licht in der Landschaft um ihre gesiebte Ornamentik erweitert, betont sie die Schönheit dieser  Landschaft, allerdings nur für diesen einen Augenblick. Bald bekommt die Natur wieder die Oberhand und das menschliche Tun ist nur noch Erinnerung.

 

 


 

 

Gisela Schwarz,  Einführung am 10. Juni 2018 anl. der Ausstellung

Flüchtige Installationen - Keramische Arbeiten von Margret Schopka und Pauline Ullrich

iim Museum Zündorfer Wehrturm, Köln

 

 

 

 

 

Blütenteppiche von Margret Schopka im Dialog mit den Kramikobjekten von Pauline ullrich - man ist gefangen von der eigenartigen, synergetischen Wirkung der Werke.

Margret Schopka war einst fasziniert von den Gobelins, den Wandteppichen der Spätgotik mit den ornamentalen Dekors, den tausenden Blüten, stilisierten Pflanzen und Ranken, auf deren bewegten Flächen sich bildliche Darstellungen entwickeln. Eine hohe Symbolik hat diese Bildsprache der Millefleurs, der 1000 Blumen – als Mariensymbolik stehen sie im Zusammenhang mit dem aus der  Interpretation des Hohen Liedes abgeleiteten Motives des „Hortus conclusus“, des Paradiesgärtleins:

„Ein verschlossener Garten ist meine Schwester Braut, ein verschlossener Garten, ein versiegelter Quell“.

 

Diese Wandteppiche haben vor vielen Jahren die Künstlerin so fasziniert, dass sie ihre eigene Bildsprache aus dem Gedanken der Millefleurs, der Millefiori, entwickelte in einer zeitgenössischen Bildsprache – auf der Rückseite von Industrieteppich verbindet sie tausende von Blütenblättern – von Tulpen und Rosen vor allem, auch Hibiskus und Bauernrosen bilden die bewegten Flächen mit den verblassenden Farben. Morbide Zeichen der Vergänglichkeit und Ewigkeit und den Rückblick auf das Dasein vermitteln auch eingearbeitete Objekte –  wie Klöppelspitzen mit Ornamenten, die sich aus dem Bildgrund plastisch in den Raum ergießen – ein Hortus conclusus, ein Paradiesgarten des 20./21. Jahrhunderts, mit allen Zeichen des Vanitas, der Vergänglichkeit.

 

Ihre Entsprechung finden Margret Schopkas Blütenteppiche in Pauline Ullrichs Keramikobjekten – eine Darstellung des Menschen, des Menschlichen, in einem Pendeln zwischen Abstraktion und Figurativem.

Zitat „Bei der Darstellung von Menschen geht es mir in erster Linie um die Frage, was wohl dahinter stehen mag – um das nicht Darstellbare, nicht vordergründig Ersichtliche“, hat sie mir in unseren Vorgesprächen gesagt.

 

Ihre Wesen entwickeln sich aus dem Boden in Wellen und Schichten in eigenem Rhythmus – sie schreiten, stehen, drehen sich, je nach Blickwinkel und Lichteinfall entwickeln sie archaische Urformen menschlicher Bewegung, jedoch nie eindeutig. Nur der Kopf entwickelt eine reduzierte menschliche Form. Er hat etwas geheimnisvoll Wesenhaftes, in sich gekehrt, verschlossen, wie in einer Traumwelt verharrend.

Zitat „Es sind Gesichtslandschaften, die sich nicht dem oberflächlichen Blick erschließen, sondern Erfahrung einfordern – Seherfahrung und Erinnerung an Traummomente...“ so definierte einmal der Schriftsteller Thomas Böhme Pauline Ullrichs Arbeiten zu der Magdeburger Ausstellung „Kopfansichten“.

 

Überraschende, fast selbstverständliche Synergien gehen die Keramikplastiken von Pauline Ullrich mit den Blütenteppichen von Margret Schopka ein – sie korrespondierenden im Licht und Schatten an den rauen Wänden des Wehrturms, entwickeln ein Licht- und Schattenspiel bei den Durchblicken und beim Erklimmen des Turms, in dem einfallenden Licht durch Schießscharten und Fenster.

Vor allem in den Vitrinen entwickeln die Blütenteppiche und Plastiken eine neue Definition des Paradiesgärtchens,  statt des Einhorns oder einer Marienfigur wandeln eine oder mehrere Figuren vor, manchmal direkt neben den Wandarbeiten, die wie Landschaften mit Himmel und Erdschichtungen und Gärten wirken.  Dies ist neu formulierte Kulturgeschichte – wie bei den Bildnissen Al Fresco und Tarquinia, die gerade frisch aus antiken Ausgrabungsorten geborgen zu sein scheinen. Oder literarische Gestalten aus Gotik, Rokoko, Barock.

 

Ist es Keramik, werden Sie sich fragen beim genaueren Blick auf Pauline Ullrichs Plastiken? Ja, es ist Keramik, Keramik, die wie colorierter Marmor oder wie Erdschichtungen wirkt. „Ton und Stein haben Verwandschaft – doch es gibt einen großen Unterschied – die Gestaltungsmöglichkeiten beim Ton sind viel größer als beim Stein“, sagt Ullrich. Sie arbeitet Fundstücke als Erinnerungsstücke ein, Ostseegläser, Bergkristalle, stempelt Hölzer, Schriften, Ornamente ein, lässt Austernschalen beim Brand die Glasur sprengen.

 

Sie verwendet Oxide, Pigmente, Aschen, spielt mit den chemischen Veränderungen beim Brand, dem sie manchmal den Sauerstoff entzieht, um Effekte wie bei der Holzfeuerung, dem Rakubrand, zu erzielen. Das ist die Technik, mit der Pauline Ullrich ihre künstlerischen Konzepte umsetzt. Sie bewegt sich zwischen Brocken und Wesen, zwischen Erdkruste, Stein und Menschlichem: „Bei der Darstellung von Menschen geht es mir in erster Linie um die Frage, was wohl dahinter sein mag – es geht nicht um das Darstellbare, sondern um das nicht vordergründig Ersichtliche.“

 

Mit diesem Konzept geht sie auch eine Symbiose ein mit Margret Schopkas Kaffeesatz-Objekten. In situ - vor Ort - hat Margret Schopka jene filigranen, aber prägnanten Werke geschaffen  – aus dunkelbraunen Kaffeesatz-Schüttungen auf Spitzentüchern. Nur die filigranen Formen und Ornamentmuster bleiben erhalten, wenn Kaffee und Spitze vorsichtig vom Untergrund oder der transparenten Folie entfernt werden.

Schopka kombiniert diese Kunst oft mit Fotografien von Landschaften aus Island – diese Materialbilder scheinen Lavaformationen und Urlandschaften mit den menschlichen Möglichkeiten zu bändigen – der Versuch zu verstehen, was in der Tiefe vorgeht oder zu domestizieren, für menschliche Kulturen urbar zu machen. Im Ensemble mit  Ullrichs Objekten wirken sie wie eine erweitere Reaktion auf Menschliches.

 

Oben unter dem Dach des Wehrturms haben die beiden Künstlerinnen eine große gemeinsame Installation inszeniert – zusammen mit der romanischen Architektur und den Säulen wirkt sie wie ein neues altes Welttheater.

Ernst Jünger „Im Kunstwerk lebt ein Glaube, der jedes Dogma überwährt.“

 

Margret Schopka hat Pauline Ullrich übrigens bei einer Ausstellung in der JVA Magdeburg entdeckt und sie zu einer gemeinsamen Präsentation hier im Wehrturm eingeladen. Eine glückliche Fügung, die Künstlerin aus Halle mit Studium an Burg Giebichenstein, der Hochschule für Kunst und Design, ins Rheinland zu locken.

 

 

 

Jürgen Kisters, Kölner Stadtanzeiger anl. der Ausstellung: Flüchtige Installation - Keramische Arbeiten im Museum Zündorfer Wehrturm mit Pauline Ullrich

 

„Das passt“, denken die Besucher bereits auf dem ersten Treppenabsatz zur aktuellen Ausstellung im Museum Zündorfer Wehrturm. Dort kommen die von Naturelementen bestimmten Kunstwerke von Margret Schopka und die Tonskulpturen von Pauline Ullrich in stimmiger Selbstverständlichkeit auf engstem Raum zusammen, um das Empfinden beinahe ins Unendliche zu weiten. Dorthin, wo das Geheimnis im Zauber tausender Blütenblätter auf der Leinwand flattert. Und dorthin, wo der sanfte Ausdruck auf dem Gesicht einer Frauengestalt in eine ungeahnte Seelentiefe führt. Wir treffen auf die Materialien der Erde als Stoff, der unser Leben bestimmt, vorantreibt und zusammenhält. Und auf die Kraft einer Erinnerung, die jenseits postmodernen Gegenwartsbewusstseins mit den beständigen Kräften uralten Kulturgeschichte verbindet. Beide Aspekte kommen zusammen in der Arbeit der Künstlerinnen, die einander während einer Gemeinschaftsausstellung in einer Justizvollzugsanstalt kennengelernt haben.

Dass scheinbar sehr verschiedenen Bildkonzeptionen in einer ähnlichen Erfahrung schwingen können, ahnen die Ausstellungsbesucher bereits auf der ersten Etage des Zündorfer Wehrturms. Um danach bis in den siebten Stock hinein erstaunliche Variationen dieser Beziehung zu erleben. Unweigerlich denkt man bei den spiraligen Frauen-Figuren, die von der 1979 in Halle geborenen Pauline Ullrich in Ton geformt werden, dass der Mensch aus der Erde wächst. Und dass er, um sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, sein Gefühl für diese Erdung nicht verlieren sollte. Organische Vitalität und ein Hauch von Verfall berühren einander im verhaltenen Glanz der Oberflächenglasuren der Skulpturen. Wachsen und Vergehen, Leben und Tod gehören untrennbar zusammen. Allerdings müssen wir vor Ullrichs Skulpturen nicht intellektualisieren, um zu verstehen. Wir spüren es einfach.

Eine Poesie, die Werden und Vergehen aneinanderbindet, bestimmt auch das malerische und objekthafte Vorgehen von Margret Schopka, geboren 1943. Sie entwickelt ihre filigranen Bilder auf der Rückseite alter Teppichböden, indem sie unzählige getrocknete Blütenblätter und Farben miteinander verschmelzt. Oder sie streut in flüchtigen Installationen Kaffeesatz wie dunkle Erde als Landschaft über den Boden aus.

Die stets von einer sanften Einsamkeit umwehten Frauenfiguren von Pauline Ullrich werden durch Margret Schopkas Blütenbilder in einen Raum zwischen Verletzlichkeit und Morbidität gestellt, der weniger Angst macht als Sinn gibt. Poesie und Geheimnis kommen zusammen, wenn Pauline Ullrich die menschliche Figur als Steinschichtung aus einer Erdlandschaft Schopkas herauswachsen lässt, die im nächsten Moment verweht werden könnte. Es ist die Poesie einer Naturerfahrung, die den Verfall als Teil einer unendlichen Verwandlung zu verstehen vermag. Und es ist eine Poesie, in der weibliche Sanftheit als eine Erfahrung erscheint, die eher mit der Natur einen Einklang finden kann als die Gewalt des seit der Moderne bestimmenden männlichen Naturbeherrschungsprinzips.

Diese Kunst lässt uns für Momente eine Rückkehr in die Wirklichkeit uralter Mythen empfinden. Und damit zugleich die Sehnsucht, wir könnten noch einmal eins werden mit der Natur, die seit der Entstehung der Menschheit die Grundlage des Lebens ist. So bietet die Ausstellung viel Schönheit, allerhand Bezauberung und viel Material zum Nachdenken.

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Christina zu Mecklenburg

Zeitungsartikel anläßlich der Ausstellung "hörst Du den Brachvogel" im Künstlerfrum Bonn, 2015

 

Die faszinierende Landschaft Islands, Leben, Arbeiten mit und in einer abgeschiedenen, ursprünglichen Natur, bilden die Schwerpunkte des empfehlenswerten Teamprojektes "... hörst Du den Brachvogel". Lauschen kann man den Stimmen der Moor- und Watvögel, die Verwandte der Schnepfen sind, etwa an den stillen Ufern des Stiflisdal-See.

 

In ihre dort angesiedelte Wahlheimat hat Projektinitiatorin und Kuratorin Margret Schopka (Overath) in den vergangenen vier Jahren insgesamt neun Künstlerinnen zu einem Symposium eingeladen. Das Ergebnis der Arbeitsaufenthalte ist ein starker Mix aus poetischer und konstruktiver Land-Art, dokumentarischer und inszenierter Fotografie, Videokunst, Installation- und Objektkunst, zeichnerischen und malerischen Experimenten.

Eine vornehmlich sinnlich diktierte Bandbreite von mikro- und makrokosmischen Erkundungen pointiert allenthalben die herb raue Vitalität, den melancholischen Charme sowie die ökologische Dynamik Islands.

Heraufbeschworen werden vielfach stimmungsdichte Naturerfahrungsräume wie: verhangene Himmelszelte, Moore, Sümpfe, Fjorde, Felsen, Meeresufer, Gletscher und Vulkane, sanfte Hügelketten, Binnengewässer, Moos, Wild-Flora, Steingeröll, Lavaschotter, "Schwefelquellen", (Farbfotografie von Maresa Jung, Hennef), Geysire. Der archaische Spiritus Loci der Insel vibriert weiterhin in Anspielungen auf die Welt der Mythen, Märchen, Legenden (Nora Münch, Zürich), auf Luft- und Wassergeister.

Er ist präsent in rustikal inszenierten Pastoralen (Angelika Witteck, Köln), in mikroskopisch untersuchten Erd- und Waldgrundproben (Elisabeth Eberle, Zürich) oder gar in animierten Eis- und Steinmosaiken.

Glanzlichter der Hommage beschert Insiderin und Land Art Künstlerin Schopka in Gestalt von meditativen In-situ-Projekten oder verwittert morbider Naturornamentik (Fotodokumentation, Wandtapisserie) und einem lyrischen Abendhimmelprotokoll (Video).

Eine geistreiche Eskapade erlaubt sich derweil Ilse Wegmann (Bad Honnef) durch theatralische Formkonversionen und hurtige Dimensionsmutationen eines Wohnmobils.

 

Einladungskarte ....hörst Du den Brachvogel?

 

 

 

 

 

 

 

Rede von Inge Broska, Künstlerin, anläßlich der Verleihung des Kunstpreises der Galerie Judith Dielämmer 2014 an mich.

 

Archaische isländische Landschaften -langsam weich in der Ferne verschwindend- entstanden durch Ablagerungen in Millionen von Jahren, sind die vorwiegende Inspirationsquelle für die Arbeiten von Margret Schopka.

Nahezu alle ihre Arbeiten, auch wenn sie nicht die Landschaft als Thema haben bzw. darin entstanden sind, erinnern an landschaftliche Formationen: so auch Portraits,  collagierte TausendBlumen-, Sandteppiche  usw.

Die LandArt (ein modernes Kunstwort.. !!) von Margret Schopka ist eine behutsame unspektakuläre integrative Kunstform. Dagegen kann "Landkunst"  zuweilen mit rigorosen Eingriffen von "Menschenhand" in die Natur, viel energetischem und finanziellem Aufwand einhergehen- Kunstmüll und ggf. bleibende "Wunden" hinterlassend. Ein Glück- es gibt auch viele postive Beispiele für Landschaftsveränderung. Margret Schopka hinterläßt keine bleibenden Spuren in der Landschaft. Ephemere Kunst ... eine  umweltfreundliche im positiven Sinne "bescheidene" Variante der LandArt.  Eins ihrer künstlerischen  Merkmale. Sie arbeitet alleine auf sich gestellt in der weiten isländischen Landschaft und läßt sich vor Ort überaschen und inspirieren. Fast alle ihre Arbeiten sind vergänglich..... jedenfalls am Ort des Geschehens. So sind wir dankbar für die Hinterlassenschaften in der Dokumentation. Ein Sandteppich zB.- enstanden durch übersieben und sehr vorsichtige Wiederentfernung eines Tischtuches mit Lochstickerei, kann durch einen einzigen Windhauch oder eine kurze Regenschauer in Sekunden der Vergangenheit angehören. Ebenso die nach der gleichen Arbeitsweise entstandenen Grundrisse eines antiken Tempels aus der Renaissance-Epoche. Hier wurde das zarte textile Material durch von der Künstlerin ornamental ausgeschnittenen Teppichboden ausgetauscht und eingesiebt. Kurzfristige Naturlaunen  können diese Schönheiten für alle Zeit wieder in´s Unsichtbare versinken lassen.

In der Kombination von Malerei und Fotografie als Collage entstehen fantastisch anmutende visionäre Landschaften. Hier "wachsen"durch Malerei- unter einer Landschaftsfotografie die Vision eines darunter sonst unsichtbaren Untergrundes. Da ist scheinbar eine senkrecht mit großem scharfen Messer durchtrennte reale schroffe  FelsenFormation mit vielen Gesteinsbrocken und Felsspitzen usw. zu sehen, perfekt- naturalistisch gemalt darüber, beides nur getrennt durch eine feine dünne weiße  Linie. Margret Schopka erklärte mir... diese Formationen wären beim Malen intuitiv "vor ihrem inneren Auge" entstanden. Das soll es ja geben... Dies ist mE.  ja nur möglich, bei einer innigen Verbundenheit mit einer Landschaft bzw. einem Ort.

In einer anderen Collage wurde die Landschaft unter der Erdoberfläche durch ein surreales Gebilde (ehemals ein Brillenetui) mit fragiler sensibler Stickerei, ergänzt durch ein textiles Tigerfellmuster. Erotisch wollüstig, an ein großes Spiegelei erinnernd, umgeben von grünen Blättern, wie frischgekochter Spinat.

Unnachahmlich, unVerwechselbar ... eigenständig ist Margret Schopkas Arbeit...keine großen Vorbilder lassen aufdringlich grüßen !!! EatArt in höchster Vollendung. Viele Vergleiche aus anderen Bereichen drängen sich geradezu auf.. Worüber wandeln wir (mental,real) ?.

Nicht zuletzt die vor Ort entstandenen Blütenteppiche, wo unsereins drin baden möchte, werden der Natur wieder zurückgegeben. Bei manchen Teppichen schimmern jedoch noch die alten verblassten Muster der Original-Auslegeware aus Oma´s und Mama´s Wohnzimmer hindurch... Derzeit noch fester Bestand der künstlerischen Arbeit der Künstlerin... Wehmütig, tröstlich, doch ebenso irgendwann vergänglich...

Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,

er blühet wie eine Blume auf dem Felde... und wenn der Wind darüber wehet

so ist sie nimmermehr da..

und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.....(aus Psalm 103).

 

 

 

 

Einführung von Katrin Stender anläßlich meiner Ausstellung in der Kunstschule Jörk Kalkreuter, Hamburg 2009

 

BLATTGOLD , der Titel der Ausstellung, hat sicherlich auch in Ihnen bestimmte Vorstellungen ausgelöst. Ich habe an Bilder gedacht, in welche Blattgold aufgebracht und feingliedrig  eingearbeitet wurde. Hier finden wir allerdings keine einzige Spur von Blattgold. In dem Gespräch, das ich gestern in Vorbereitung auf diese Ausstellung mit Margret führen konnte, habe ich erfahren, dass es ihr hierbei um etwas anderes geht. Blattgold steht vielmehr für einen Prozess,

für den Prozess, etwas Profanes  zu erheben, für den Prozess, etwas Unbedeutendem ein goldenes Kleid anzuziehen, für den Prozess, etwas Vorgefundendes, Alltägliches ästhetisch oder materiell aufzuwerten.

 

Margret Schopka. versteht sich als Landartkünstlerin, als Malerin, als Objektkünstlerin, und ich möchte eigentlich fragen oder hinzufügen: auch als Collagistin?

 

Wenn man sich auf diese Arbeiten einlässt, dann scheint -  mir – eine große Lust und Freude am Tun und Erschaffen entgegen. Man stößt auf einen sehr freien Umgang mit vorgefundenen Objekten, Formen und Farben.

Wir begegnen hier einem beeindruckenden Spannungsfeld, in dem das Schroffe und Herbe, dem Schönen und Sanften gegenüber gestellt ist. Wir sehen Fragiles, Brüchiges, so etwas wie feine, welkende Blütenblätter, und wir sehen auch Harsches, Abgelegtes, wie die Reste von PVC Auslegwaren. Und: wir sehen auch Island, und diejenigen, die Margret Schopka schon lange kennen, wissen, was es mit diesem Bezug auf sich hat.

 

Es ist eine kraftvolle Konfrontation, die eine sehr intensive bildnerische Bearbeitung erfordert, um letztlich die Synthese zu erreichen, das in sich geschlossenen, das stimmige Bild. M. S. gelingt dies, - in und mit großer Leichtigkeit, wie ich finde. Es gelingt ihr nicht nur in dem kleinen, flächenorientierten Arbeiten, Zeichnungen und Montagen, sondern ebenso bei den Installationen, die z.T: in der Natur realisiert wurden, teils in den Ausstellungsräumen oder auf öffentlichen Plätzen.

 

Der Ästhetik ihrer Arbeiten haftet etwas ausgeprägt Weibliches an, was sich besonders im Maß der Feinheit der Ausführungen und in den gewählten Materialien zeigt. Es hat etwas sehr Anrührenden, diese weiblichen Aspekte konfrontiert zu sehen mit der herben, den Blick so frei gebenden Landschaft Islands. Aber beide Aspekte, beide Seiten tragen sich gegenseitig und sind in Einklang gebracht.

 

Im Namen von Jörk Kalkreuter möchte ich sagen, dass diese Ausstellung von Margret Schopka für das Spektrum der Veranstaltungen, die hier und im Rahmen der Kunstschule bisher gezeigt wurden, als deutlicher Zugewinn empfunden wird und wir freuen uns, dass Margret Schopka die Gelegenheit genutzt hat, um „zurück in Hamburg“,  ihre Arbeiten im engen Freundes- und Bekanntenkreis und damit auch uns zu zeigen.

 

Für Margret Schopka sind, wie sie mir gestern erzählte, die Teppiche derzeit  das Herzstück ihres kreativen Schaffens. Hier wird es weitergehen, das spürt der Betrachter. Die Worte „absolute Liebe“ sind in diesem Zusammenhang gefallen. Vielleicht kann man von „Blattgoldglück“ sprechen.

Ich wünsche Ihnen einen erbaulichen Gang durch diese Ausstellung, die hiermit eröffnet sei, und möchte sie ermuntern all ihre Fragen an Margret Schopka zu richten. Es lohnt sich ganz sicher.

 

 

 

 

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